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1952 und der Veganismus

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Im Jahr 1952 erschien beim Bremer Brücken-Verlag das Gesundheitsbuch für die Familie von Dr. med. Oswald Bianco unter Mitarbeit von Prof. Dr. med. A. V. Knack. Ich habe dieses auf zweierlei Art wahnsinnig vielseitige Werk kürzlich im Schlafzimmer meiner verstorbenen Großmutter gefunden. Mittlerweile habe ich schon einige Stunden mit dem Buch verbracht und bin über viele der dort beschriebenen Erklärungen und Empfehlungen mehr als überrascht. Manchmal muss ich schmunzeln wegen längst überholter Sichtweisen, aber dann erstaune ich wieder unter einem „Ohhooo, wow“, wenn ich zum Beispiel in den Kapiteln über Ernährung lese.

Im Kapitel „Die vegetarische Lebensform“ ab Seite 35 schreibt der Autor unter Anderem:
„Wenn wir von weltanschaulichen Überlegungen absehen, dürfen wir auf Grund der gegenwärtigen wissenschaftlichen Kenntnisse folgendes feststellen: 1. Pflanzliche Nahrung ist unentbehrlich für die Erhaltung von Leben und Gesundheit des Menschen. Sie ist der alleinige Träger einer großen Zahl von unentbehrlichen Vitaminen, Auxinen und Wuchsstoffen. Die physiologischen Bedürfnisse können nur durch vorwiegend pflanzliche Rohkost erfüllt werden. […] Fleisch ist also entbehrlich, aber deshalb noch nicht unbedingt schädlich. Es kann jedoch niemals ausschließliche oder wesentliche Nahrungsgrundlage sein. […]
Are Waerland, ein schwedischer Ernährungsreformer, fordert eine konsequente vegetarische Lebensweise. […] Die Waerland-Diät ist ohne Zweifel gesund und empfehelnswert. […] Die von Waerland geforderten Vorbehalte: Obst und Gemüse nicht gemeinsam, sondern getrennt genießen – einheimische Obstarten bevorzugen – „gespritze“ Obstarten vermeiden – sind nur zum Teil wissenschaftlich fundiert.“

Es folgen jede Menge Rohkostrezepte für die einzelnen Monate, angepasst an die jahreszeitlichen Bedingungen. Direkt danach findet sich eine Tabelle „Biologischer Wert der wichtigsten Nahrungsrohstoffe“ ab Seite 47. Das schreibt der Autor über Fleisch und Wurst:
„Biologischer Wert: Sie sind reich an wertvollem Eiweiß, aber arm an entgiftenden Mineralstoffen; daher nur in Verbindung mit der 4-5fachen Gewichtsmenge an pflanzlicher Rohkost wertvoll. Die handelsüblichen Wurstsorten sind in der Regel zu stark mit Salz gewürzt und deshalb ganz abzulehnen. Fleisch und Wurst sind auch vitaminarm. Helles Fleisch ist nicht wertvoller als dunkles Fleisch und Geflügel nicht wertvoller als anderes Fleisch. Alle derartigen Unterscheidungen sind unbegründet und überholt.
Sonstige Eigenschaften: Säureüberschüssig, daher schlackenbildend und im Übermaß immer schädlich; appetitanregend. Fleisch und Wurst sollen als Anregungsmittel in kleinen Mengen genommen werden. Niemals dürfen sie aber etwa die Grundlage der Ernährung darstellen. Geflügel ist harnsäurereich, daher zu meiden bei Rheuma und Gicht.“

Auch den ethischen Gedanken beleuchtet das Buch kurz, indem es einen Dr. Khan zitiert:
„Die Stärke des Vegetarismus liegt nicht auf dem Gebiet der Ernährungslehre, sondern auf einem ganz andern Feld: in seinem ethischen Grundgedanken. Unter dem Programmgemälde des Vegetariers steht nicht: `Du wirst gesünder!`, sondern `Du sollst nicht töten!` Die Begründer des Vegetarismus in Asien waren keine Ärzte, sondern Ethiker und hießen Zoroaster, Buddha, Kungfutse und Laotse. Sie verboten ihren Jüngern den Genuß des Fleisches, weil sie den Mord am Tier verabscheuten, und ebenso waren die großen Ethiker des klassichen Altertums Diogenes und Empedokle, Zeno und Epikur, Plato und Seneka Vegetarier aus ethischen Motiven. `Was konnte den ersten Menschen bestimmen, das Blut eines toten Tieres an seine Lippen zu bringen und Leichen als Leckerbissen auf seinen Tisch zu stellen?`fragt Plutarch, und 1800 Jahre später bezeichnet Bogumil Goltz es als einen unerklärlichen Widerspruch mit unserer Menschlichkeit und unserem Gewissen, als einen himmelschreienden Widerspruch mit unserem Dichten und Denken, mit unserer Naturliebe und mit der christlichen Religion, dass wir die lebendige Kreatur Gottes abschlachten. Shelley nennt den Vegetarismus: die Lebensweise im Bewusstsein unserer Menschenwürde, und Leonard da Vinci prophezeit: `Es wird eine Zeit anbrechen, in der sich alle Menschen mit der Pflanzenkost begnügen und in der man das Schlachten eines Tieres als ein ebenso großes Verbrechen betrachtet wie den Mord eines Menschen.` Der Vegetarismus ist eine schwache Ernährungslehre aber eine erstrebenswerte Weltanschauung.“

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Written by Erbse

18. Januar 2012 um 03:43

10 Antworten

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  1. Lebensmittelknappheit während und nach Kriegen oder sonstigen misslichen Lagen(Wirtschaftskrisen, Epidemien etc.) brachten die Menschen schon immer zur Raison in Sachen Fleischverzehr, ob es nun 1952 wie in deinem Beispiel oder wie es im Kochbuch bzw. Heft von 1918 mit Rezepten unter dem Motto: „Strecke das Mangelnde mit dem genügend Vorhandenen“ war.

    Letzteres habe vor einigen Jahren von meiner Urgroßtante „vererbt“ bekommen und dient mir immer mal wieder als Inspiration für simple „Arme-Leute-Essen“ auf die Ich SO definitiv nicht gekommen wäre.
    Allein die Variationsdichte von Kohlrezepten erschlägt einen förmlich.

    Danke für das Abtippen alter Weisheiten.

    Schöner Blog, bin schon ne Weile fleißiger Leser, weiter so : )

    Björn

    18. Januar 2012 at 05:22

  2. Großartig!!! Danke Erbse.

    RoteRatte

    18. Januar 2012 at 08:00

  3. Ein „unerklärlicher Widerspruch mit unserer Menschlichkeit und unserem Gewissen“ – das ist es auch!
    Wow! Ein 60 Jahre altes Buch und dabei doch noch zeitgemäß… irgendwie ist es traurig, dass sich so wenig verändert hat.

    Yv

    18. Januar 2012 at 09:54

  4. Einerseits schön, aber andererseits auch irgendwie frustrierend, dass das damals schon alles bekannt war und sich eben doch noch immer nicht in den Köpfen der Menschen durchgesetzt hat.

    Kris

    18. Januar 2012 at 11:22

  5. Ich bin Febr.1939 geboren.Ein 60 Jahre altes Kochbuch müßte oder könnte heute noch zeitgemäß sein .,aber dann brauchten wir auch keinen Suppermarkt.Jeder der irgend konnte hatte einen kleinen Garten.Gemüse und wenn man bischen mehr Platz hatte noch Hühner der Eier wegen.Gearbeitet wurden 48 Std.in der Woche.Beim Bauer —da war das essen besser 60 Std .In der Kriegszeit wurden wir ernährt .—Wasser Kartoffel Kohl—Kohl Wasser Kartoffel.Es gab nicht viel auswahl.Wenn man die Kindheit so verbracht hat ist es schwierig über die heutige Zeit nachzudenken.
    Es ist traurig das Tiere sterben müssen,Lebensmittel in Bio Tonnen entsorgt werden –weil wir alle in Überfluß leben.Ich bin eine alte Frau-es tut mich in der Seele leit wenn ich so etwas sehe.Wir haben heute noch unseren Garten , Hühner nicht nur der Eier wegen ,nein,wir haben keine Biotonne.

    Ullala

    18. Januar 2012 at 20:10

  6. Interessanter Einblick, das Buch scheint spannend bzw. interessant zu sein.

    Anika

    18. Januar 2012 at 22:03

  7. Vielleicht war mein Kommentar etwas daneben geschrieben.Veganer wollen kein Fleisch weil dafür ein Tier sterben muß .Das verstehe ich eigentlich -den sie wollen Tiere schützen.In der Zeitung stand heute das Millionen Hähnchen -eigendlich Hühnchen -,den Hähnchen kann man nicht mästen – gebraucht werden. Millionen Hühnchen werden in ca 34 Tagen schlachtreif gefüttert.Um an 1 Million Hühnchen zu kommen–brauche ich ungefähr 2 Millionen befruchtete Eier.Die Hühnchen werden gemästet und die Hähnchen haben eine Lebensdauer von höchstens einpaar Std.Dann werden Sie getötet und als Fütter verarbeitet.Für unsere Lieblinge .Um an die Eier zu kommen brauche ich Legehennen und Hähne.Legehennen die viele viele viele befruchtete Eier legen müssen.Diese Hühner und Hähne müssen gefüttert werden das Sie wie Maschinen arbeiten.ja die zusätze im Futter macht auch das möglich.Ich denke das ist ein großer Eingriff in die Natur

    Ullala

    19. Januar 2012 at 16:12

  8. Warscheinlich habe ich mich noch immer nicht richtig ausgedrückt—aber das Thema Tierschutz ist einfach zu groß zu vielseitig.Ich habe mein Leben lang mit Tieren zu tuen gehabt und ich glaube es wird nie eine Gerechtigkeit geben.Es wäre schon etwas erreicht wenn Tiere schmerzlos getötet würden.Tierschutz gibt es schon so lange ich denken kann aber Vegan ist mir immer noch fremd

    Ullala

    19. Januar 2012 at 16:35

  9. Lehrreicher Artikel. Bereichernd, wenn man sowas auch mal aus einer anderen Perspektive beschrieben lesen kann.

    Lars

    3. Februar 2012 at 16:13

  10. Das ist ein interessanter Artikel- ich finde es nach wie vor sehr traurig, dass der Mensch die Tiere so ausbeutet. Und dazu kommt, dass das alles ungesund ist und nichts mit einem „vitalen“ und „besseren“ Leben zu tun hat.

    Ich muss zugeben, dass ich erst durch den Veganismus es geschafft habe viel mehr Gemüse und Obst zu mir nehmen und vorher eher Junkfood bevorzugt habe. Mir ist es trotz guten Vorsätzen nicht gelungen alles in Maßen zu mir zu nehmen, daher musste dieser Cut unter anderem her.

    Ich wusste gar nicht, dass schon vor so vielen Jahrhunderten sich die Philosophen für den Vegetarismus ausgesprochen haben. So etwas haben wir bei mir in der Schule nie besprochen.

    LG Betty

    Betty

    8. Februar 2012 at 15:29


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