…in meiner Wärmflasche schlafen Sterne

Hallo :D

Irrsinn

with 7 comments

Salem aleykum,

der gestrige Tag war zermürbend. Es ist jetzt kurz nach zehn Uhr morgens und ich hänge immer noch im Gestern. Wie ist es bloß möglich ständig so viele Eindrücke (und Einschläge) restlos zu verdauen… ohne dabei verrückt zu werden? Ich schreibe hier nicht vom Verrücktsein, was heutzutage schick ist und mit dem sich so viele Menschen in diesen Zeiten schmücken. Ich spreche vom regelrechten Irrsinn. Das erinnert mich an einen prägnanten Satz an den ich mich immer erinnere, wenn ich von „Irrsinn“ schreibe.

Wahnsinn und Irrsinn reichen sich die Hand…“ – Taktloss

Eigentlich verlief das Gestern anfangs relativ gut, ich stand zügig auf und startete relativ gelassen in den Tag. Mein einziger Gedanke an diesem Morgen: Ich erwarte ein Paket. Ich muss unbedingt an die Tür gehen, wenn es klingelt. Egal wie. – Es klingelte dann tatsächlich, aber es war nur der GSL-Mann der ein Paket für einen Nachbarn abgeben wollte, letztlich öffnete nicht ich ihm die Tür sondern der Nachbar von ganz unten. Ich blieb in Alarmbereitschaft. Die ersten Gedanken und Zweifel überkamen mich. Ich werde nicht aufmachen. Ich werde einfach hier sitzen bleiben und so tun als wäre die Wohnung verlassen. Dann klingelte es wirklich. Längst stand ich am Fenster um sicher zu gehen, dass es der DHL-Mann war. Mit pochendem Herzen nahm ich den Hörer von der Gegensprechanlage. Ein zaghaftes Hallo. Er erwiederte nicht, ich machte auf und es dauerte eine ganze Weile bis der schnaufende rot-angelaufene Mann mit den zwei schweren Paketen die Treppen hochkam. Nichts anderes konnte ich tun außer im zu zuschauen, wie er schwitzte, schleppte, keuchte und sein Gesichtsausdruck immer unfreundlicher und geschaffter wurde. Ich wollte in diesem Moment sterben, noch nicht wissend was kommen würde. Er fing dann tatsächlich an mich zu beleidigen und mir zu sagen, dass ich doch meinen Freund in den Supermarkt schicken könne um Katzenstreu zu kaufen, dann habe er nicht die ganze Schlepparbeit und sowieso ist es ja unverschämt, dass ich so schwere Ware im Internet bestellen würde. Gleichzeitig hielt er mir das Display zum unterzeichnen vor die Nase. Wie in Trance, geplättet von seinen Worten, die ich in diesem Moment nicht zuzuordnen wusste, setzte ich ein paar unleserliche Buchstaben darauf, reichte ihm den Stift zurück, wünschte ihm einen schönen Tag und schloß die Türe hinter mir. Die Pakete standen noch im Flur. Wie hätte ich sie auch hineinschleppen sollen? Er überollte mich wie ein Mähdrescher die Ernte, ich entgleiste und wusste gar nichts mehr. Ich wusste nicht wie ich reagieren sollte, was ich sagen, was ich machen sollte. Erst sehr viel später fielen mit sämtlich-mögliche Reaktionen ein, aber was tat ich? Ich wünschte ihm überfreundlich einen schönen Tag. Um keinen Preis unhöflich sein, Erbse. Um keinen Preis.

So flüchtete ich mich schnellstmöglich in die Weiten des Internets um Ablenkung zu finden. Bloß vergessen, was da gerade geschehen ist. – Als Henrik sehnsüchtig erwartet nach Hause kam, brachte er einen Brief mit. Ich bin ganz ehrlich, dieser Brief rettete mir ein stückweit den Tag. Er ist von einer Leserin/Zuschauerin, die mir (danke Impressumspflicht!) einige liebe Zeilen schrieb und viel von sich erzählte, was mir gefiel. Unerwartet und somit perplex hatte ich die Seiten in Empfang genommen. Es ist rührend soetwas in den Händen zu halten.

Der Tag verging. Henrik ging es auch nicht sonderlich, wir schliefen einfach ein paar Stunden, nahmen uns eine Auszeit aus dieser Welt. Doch leider ging es Henrik immer schlechter, sodass es mir schwer fiel ihm eine Stütze zu sein. Er erlebt derzeit so viel Negatives, hat starke Zukunftsangst und mich als großen Klumpen Balast am Bein hängen. Dieser Gedanke zieht mich oft sehr runter, aber gestern Abend blieb ich ziemlich stark. Ich nahm ihn in den Arm, ich sprach behutsam. Er antwortete all‘ die Stunden auf dem Sofa nicht, aber ich wusste, dass er mir zuhörte und jedes Wort verstand, was ich ihm flüsterte. Manchmal ist es schwer diesen Gedanken, diese Tatsache  zu greifen, doch vermittelte ich ihm immer wieder, dass er niemals alleine sein wird. Egal was passiert, es findet sich immer (wirklich immer) eine Lösung. Er hat nicht nur mich, wir haben so viele liebe Menschen auf die wir bauen können. Manchmal verliert man diesen Umstand leider aus den Augen und fühlt sich furchtbar allein mit den Lasten der ganzen Welt auf den Schultern. – Ich weinte kein einziges Mal, ich wusste genau, dass ich jetzt sehr stark sein musste, damit das Gefüge nicht noch weiter auseinanderbricht. Henrik ist ein Engel.

Als wir den Weg ins Bett fanden, schlief er sofort auf meiner Brust ein. Ich konnte aber nicht. Ich hatte so viele Gedanken in meinem Kopf, dass ich sie in Worte fassen, sie in Geschichten packen musste. Ablenkung fand ich nur schwer durch ein Buch. “Firmin – Ein Rattenleben“ – Vor wenigen Wochen schon hatte ich begonnen die ersten fünfzig Seiten zu lesen, aber ich brach immer wieder ab. Zwischendurch dachte ich auch einfach ein anderes Buch zu lesen. Letztendlich weiss ich nicht woher dieses Gefühl kam. Letzte Nacht aber laß ich die ganzen 204 Seiten in einem Rutsch durch. Ich schaffte es nicht das Buch aus der Hand zu legen. An diesem Abend, in diesem Moment gab es kein besseres Buch als diese verzweifelte Geschichte der humanen Außenseiterrolle Firmin, zugegeben Ratte, aufgewachsenen in einem “Book Store“ direkt in Boston der 50er Jahre.  Gleichzeitig eine gelungene Hommage an die Literatur, aber auch eine traurige Geschichte voller Schicksale, Verzweiflung und vor Allem Irrsinn!

Wenn man einsam ist, dann hilft es, glaube ich, ein wenig verrückt zu sein, solange man es nicht übertreibt. Zumindest ist das meine Taktik.“ – Firmin von Sam Savage (S. 160)

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Written by Erbse

24. Februar 2010 um 11:16

7 Antworten

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  1. Oh, das tut mir leid, dass du so einen schlechten/traurigen Tag hattest.
    Das manche Leute auch so unfreundlich sein müssen – der wird ja schließlich dafür bezahlt, dir das Paket zu bringen. Also wirklich…
    (Aber ok, ich krieg oft nur einen gelben Zettel und darf’s dann von der Post holen und wir haben einen Lift!)

    Chinda-chan

    24. Februar 2010 at 11:54

  2. Ich kann nur immerwieder sagen das ich dich über alle Maßen bewundere und dich unheimlich stark und liebenswert finde! Du kannst ausserdem sehr gefühlvoll schreiben, das finde ich serh schön =)

    Das Buch hatte ich auch schon in der Hand, habe mich aber für ein anderen entschieden. Ich lese allerdings sehr gerne Bücher über Bücher ;) dank deiner Mepfehlung werde ich es mir wohl doch noch zulegen!

    ZimtPorridge

    ZimtPorridge

    24. Februar 2010 at 12:01

  3. Hey Erbse, ich lese Deinen Blog nicht regelmäßig, aber ich muss jetzt trotzdem mal Lob loswerden. Ganz grosses Kompliment, dass Du hier so offen mit Deinen Gedanken und Gefühlen umgehst. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob das Dir hilft, die Ängste zu überwinden aber auf jeden Fall hilft es anderen Leuten, wenn sie sehen dass sie nicht alleine auf der Welt sind mit ihren Ängsten. Als (auch) Emetophobikerin geht es mir zumindest so!! Wir dürfen uns nicht klein kriegen lassen von den doofen Ängsten! Ich denk an Dich :-) Und damit ich den nächsten Beitrag nicht verpasse, stell ich mir jetzt unten die Erinnerung ein. So. Bis bald und viele Grüße, Claudia

    Claudia

    24. Februar 2010 at 22:53

  4. Liebe Erbse,
    ich hoffe du konntest dich heute etwas von deinem gestrigen Tag erholen! Mir geht es auch oft so, dass ich von solchen zermürbenden Tagen auch noch am darauffolgenden Tag etwas habe – lieber wäre einem ja, gerade dann, eher das Gegenteil.
    Ich finde mich öfter in deinen Worten wieder, aber ein Satz kam mir heute besonders bekannt vor: „Manchmal verliert man diesen Umstand leider aus den Augen und fühlt sich furchtbar allein mit den Lasten der ganzen Welt auf den Schultern.“ Das passiert mir leider relativ oft, es sind die Momente in denen ich mich dann einfach nur furchtbar einsam fühle.
    Ich wünsche dir – und auch Henrik – alles Gute.
    Liebe Grüße,
    justbreakable

    justbreakable

    25. Februar 2010 at 20:16

  5. Hallo mein Herz, also ich fand mich wieder ^.^ ! Ich stelle mich gerne tot wenn der Post-Mann kommt xD, ich hasse es Pakete anzunehmen, schon immer … Als ich damals noch zu Hause lebte, schicke ich immer meine Mom vor, wenn sie nicht da war, und es kam etwas wurde es dann meist den Nachbarn abgegeben, was die Sache aber nicht besser machte, da ich dann immer warten musste bis meine Ma wieder nach Hause kam, um für mich bei den Nachbarn das Päckchen abzuholen xD ! Wie dem auch sei, lass di gesagt sein, das ich auf der Arbeit ganz oft solche Arschlöcher habe, die Meckern und Motzen weil sie schwere Sachen schleppen müssen bei uns, aber es ist deren Job, selbst schuld das ihr Traumberuf Postbote war ^.^, ich bin dann aber auch immer total freundlich, was die meistens dann noch mehr ärgert xD!!! Wenn dich demnächst wieder so ein Wxxxer anmacht, versuch den Namen zu lesen und beschwere dich bei den!!! Kann mir gut vorstellen wie es dir ging:( Fühl dich gedrückt und Kopfhoch … auch an Henrik!!! Lieben Gruß, deine Anika~

    Anika

    27. Februar 2010 at 00:54

  6. […] und Ehrlichkeit Februar 27, 2010 Ich musste die letzten Tage viel an einen Teil des Blogeintrags vom 24.2.10 von Erbse denken. Dort schrieb sie: “[…] wir haben so viele liebe Menschen auf die wir […]

  7. Oha……lass dich nicht unterkriegen von Erkenntnisressistenten dieser Welt!
    Ich lass mir die Katzenstreu auch liefern, der Lieferant der hier kommt ist auch immer recht rotgesichtig unter der Last der Säcke, und er tut mir jedes Mal ein bisschen leid, andererseits, es ist sein Jog. Er ist ein kleiner untersetzter etwas molliger Mann, böse Zungen würden ihn wohl als Hobbit bezeichnen,und wirklich begeistert bringt er mir die Streu auch nicht, würde wohl aber nie ausfallend werden.
    Ich glaube, auweia….ick bin alt, hätte ich mir sowas auch sehr zu herzen genommen, aber im reifen Alter von über 40 und mit Kindern, die durchaus auch mal der Verteidigung von mama bedürfen, habe ich mir eine recht große Klappe angewöhnt wenn es sein muss, sieht ja keiner wie ich hinterher zitter und die Szene, und mein „spiel“ darin im Kopf zerfleische.
    Trotzdem…….nicht unterkriegen lassen, niemals, nicht von solchen ARSCHLÖCHERN!

    ”Firmin – Ein Rattenleben” habe ich niht geschafft zu lesen, es fehlte der Funke, leider, ist so wie bei den Pratchett-Büchern!
    Ganz liebe Grüße
    fewaluer/Tinka
    Und zum Abschluss mein Lieblingsposiealbumspruch:

    Sei nicht wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein,
    sondern wie die Brennessel in der Hose, hat so große Wirkung und ist doch so klein!

    fewaluer

    15. März 2010 at 15:04


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