…in meiner Wärmflasche schlafen Sterne

Hallo :D

Gedankenstille

with 10 comments

Selam Welt,

wenn ich mich mit Henrik streite, endet dies oft damit, dass wir irgendwo rumliegen und grübeln. Das Grübeln verändert sich bei Henrik nach einiger Zeit einfach in Gedankenstille. Einfach ist vermutlich das falsche Wort und ich meine genau das Gegenteil davon, schreibe es aber nicht. Bloß bei ihm sieht das so einfach aus. Ich bleibe nämlich in solchen Momenten in meiner Grübel-Phase. Mir geht es häufig noch Stunden später schlecht nach einem solchen Streit, selbst wenn die Gewitterwolke längst vom Himmel vertrieben ist. Ich fühle mich jedesmal sehr erschöpft und manchmal habe ich auch vom zu vielen Denken Kopfschmerzen. […] Wenn wir so da liegen, frage ich Henrik oft woran er gerade denkt. Seine Antwort lautet: „Nichts.“ – Ich reagiere mit einem: „Wie denkt man an Nichts?“, jedes verdammte Mal. Und jedes verdammte Mal entgegnet er: „Keine Ahnung. Ich denke einfach an nichts.“ – Da ist es wieder, dieses einfach. Wenn an Nichtsdenken alles so einfach wäre, weshalb kann ich es denn nicht? Ich glaube er verwechselt das Nichtsdenken mit „zur inneren Ruhe kommen“, abschalten, entspannen. Oder habe ich irgendetwas in dieser Welt nicht mitbekommen und man ist erst richtig entspannt und voller Ruhe wenn man es geschafft hat an Nichts zu denken?

Ich habe zu diesem Thema recherchiert, weil es mich schon so viele Jahre wurmt. Es gibt tatsächlich Menschen, die der festen Überzeugung sind alle ihre Gedanken (und auch die damit verbundenen Gefühle) unterdrücken zu können. Das muss genial sein. Vermutlich sind Entspannungstechniken die Zauberformel. Doch solcherlei Übungen funktionieren auch nicht mit einem Fingerschnippen. Zumal Henrik diese Techniken zumindest nicht offiziell irgendwo erlernt hat. Ich war doch schließlich diejenige von uns Beiden, die Monate in Kliniken hauste und jeden Tag Entspannungsstunden besuchen durfte. Weshalb kann ich die schweren Lasten auf meiner Schulter nicht mal für eine Sekunde vergessen, mh? […] Ich werde schon wieder so negativ. Wenn ich mir meinen Blog in einigen Jahren mal durchlesen sollte, stelle ich wahrscheinlich fest, was für ein pessismistisches und wehleidiges Miststück ich doch bin. Mit einem Schmunzeln werde ich es feststellen. Wer weiss schon ob sich das in den ganzen Jahren ändern wird?

Um den Blogeintrag mit etwas Schönem abzuschließen, möchte ich von einem Moment in meinem Leben erzählen, in dem ich mich wirklich überaus frei gefühlt habe. Ganz positiv und ohne schwarzen Hintergedanken, gar ohne Sarkasmus; ehrlich. – Es war letztes Jahr an einem Herbsttag, wenn ich nicht irre. Alleine nahm ich die schwere Hürde die Wohnung zu verlassen, mit einer Straßenbahn zu fahren, um dann nach einer Station in der Innenstadt Kassels zu landen. Mein Ziel war die Praxis meiner Verhaltenstherapeutin, bei der ich damals noch jede Woche einen Termin hatte. Voller Angst und Bange ging ich ab Haltestellte „Rathaus“ die ganze Königsstraße entlang bis zum Königsplatz. Knapp davor veränderte sich alles. Mein meist negativ-behafteter Trance-Zustand in dem ich sonst durch die Stadt stiefele, trotzdem voller Vorsicht und überall meine Ohren und Augen, verwandelte sich schleichend in ein wohliges Gefühl. Ich blieb in Trance, aber alles wurde positiv. Die kalte Luft um mich herum wurde angenehm erfrischend, die eisige Brise um meine Nase tat gut und die Sonne die hinter einem alten Haus zublinzelte, erhellte für diesen Moment den Weg den ich ging. Am Friedrichsplatz spielte ein Mann Geige. Er beherrschte sein Werk, die Musik, die in meine Ohren kroch um dort zu blühen. Für gewöhnlich folgen dem Geräusch sofort meine Augen um zu sehen woher es kommt und ob ich etwas zu befürchten habe. Nein, diesmal aber sah ich nicht hin. Ich weiss bis heute nicht wie dieser Geigenspieler aussah. Das war mein banaler Moment von Sorglosigkeit und Freiheit. Seit vielen Jahren. Haben ich an diesem Herbstag, in dieser Minute, etwa nachgedacht?

Wer sich die Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen vorstellt, wird stets ihre Beute.” – Arthur Schopenhauer

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Written by Erbse

8. Februar 2010 um 15:16

10 Antworten

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  1. Ich kann das sehr gut nachempfinden. Das Phänomen nichts zu denken bewundere ich sehr, da ich mir stets jede Sekunde Gedanken mache. Nach einem Streit ist es besonders schlimm (oder wenn ich das Gefühl habe etwas falsch gemacht zu haben). Nur zu gern würd ich in solchen Momenten meine Gedanken einfach abschalten. Falls du ein Geheimrezept entwickelst lass es mich wissen :D

    MrsSuja

    8. Februar 2010 at 17:21

  2. Ich bin auch immer wieder erstaunt, wenn mir jemand erzählt, dass er gerade nichts denkt. Ich teile deine Eigenschaft so lange zu grübeln, bis mir schon fast der Kopf raucht.
    Einmal allerdings habe ich für eine Weile wirklich nichts gedacht. Da hatte ich allerdings 48 Stunden nicht geschlafen.

    Ry

    8. Februar 2010 at 17:46

  3. Liebe Erbse :)

    Danke für deinen Kommentar.
    Das gleiche kann ich übrigens von deinem Blog sagen.
    Gerade deinen aktuellen Beitrag kann ich so gut nachvollziehen. Nichts denken ist ein Phänomen, ich würde sogar soweit gehen es eine Art Wunder zu nennen. Unmöglich. Allein schon die Vorstellung der Leere im Kopf ist für mich ein Absurdum.

    Im übrigen muss ich dir mal ein Kompliment für deinen YouTube-Kanal aussprechen :)
    Hab gleich mal ein bisschen gestöbert und ich muss sagen, dass ist schon sehr professionell! :)
    (Außerdem hast du eine super schöne Stimme C: )

    Noch was wegen Vegan:
    Ich bin leider auch sehr sehr Käseabhängig.
    Wie schaffst du es denn diesem gegorrenem Milchstück zu wieder stehen?
    Allein schon wenn ich an Feta denke, könnte ich all meine Ziele aus den Augen verlieren….

    Viele liebe Grüße
    Maya

    PS: Ich hoffe, dein Hamster wird von dem Gefüttere nicht dick :)

    mayasjourney

    8. Februar 2010 at 22:02

  4. Hallo mein Herz,
    ich musste gerade so schmunzeln … Also wenn ich mich streite & die andere Person damit schon längst abgeschlossen hat, beschäftige ich mich immer noch damit. Meist war es so, das ich die Nacht zum anderen Tag immer mies geschlafen habe & ich am anderen Tag total gerädert aufgestanden bin & fertig war… mir weiter und weiter Gedanken gemacht habe & gegrübelt habe. Meist brauchte ich dann x-mal eine Bestätigung von meinem Gegenüber das wieder alles okay war bzw. ist, von daher kann ich das wirklich gut nachvollziehen. Ich glaube Männer sind einfach so… Mal ohne Witz… Ich bewundere sowas auch, meien Gedanken kann ich selten komplett abstellen *seufz*… Ich denke es werden noch viel solcher Momente wie an diesem besagten Herbsttag bei dir eintreten & sicherlich wirst du in ein paar Jahren mit einen breiten schmunzeln das hier alles lesen & stolz auf dich sein, dich so zu verändert haben ^.^ !
    Ich denk ganz fest an dich :-*, deine Ann~

    Anika

    8. Februar 2010 at 22:52

  5. Du kannst gut schreiben, ich bin wirklich bei keiner Zeile abgedriftet und habe gleichzeitig an was anderes gedacht. Richtig fesselnd.

    Ohne hier jetzt die große Steretypkeule auspacken zu wollen, vermute ich Männer erleben diese Frage als eine Grenzverletzung, ein aggressives Eindringen in ihr Ego-Refugium. Die Innenwelt ist vielleicht auch sozial konditioniert ein abgeschlossenes Territorium, davon mal abgesehen ist da vielleicht wirklich nicht mehr als das strategisieren über die Anhäufung von Energie (Geld, Privilegien, Einfluss) und darauf aufbauend, die möglichst weitflächige Verbreitung des Samens, hahahahaha.

    Und Erbse, ich will dich ja nicht durch Wiederholung verschrecken, aber ich glaube ein Recherchepunkt zu Vitamin D, sollte auf jeden Fall dessen positiver Einfluss auf die Gehirnchemie sein.

    Die vorgreifende Retrospektive der Zukunft zurück auf deine emotionale Welt von heute, wird nicht unbedingt nur schmunzelnd sein, sondern sogar etwas trauerndes haben. Es wäre zu banal das einfach als Stockholm-Syndrom abzutun, denn die Intensität der Misere erreicht man im Normalzustand (grauenhaftes Wort) nur in den kurzen Momenten der blanken Inspiration.

    Ava Odoemena

    10. Februar 2010 at 12:44

  6. Und doch noch ein Stereotyp, mit dem ich als Veganerin der Stufe 7 :-)) oft konfrontiert werde:

    Männer „können nicht“ ohne „Fleisch“ (dabei können sie ohne Katzenfleisch, Hundefleisch, Menschenfleisch usw.)

    Frauen „können nicht“ ohne Käse (dabei können sie ohne Käse aus der Milch anderer Frauen z. B.)

    Ich habe gelesen, leider habe ich die Quelle nicht zur Hand, dass bei der Verdauung von Käse als Abbauprodukt sozusagen, Opiate gebildet werden, wodurch Käse einen indirekten Heroinfaktor hat.

    Und über Verzichtsideologie wird man höchstens ein tiefer Pseudo, das sind dann die Veganer die nach 3 Jahren plötzlich „es nicht mehr aushalten“ und wieder volle Pulle anfangen sogar Fleisch zu konsumieren.

    Wer glaubt, über die Bildung eines Vakuums was für Tiere tun zu können, ist definitiv auf dem Holzweg. „Echte Veganer“, bzw. die negative Konnotion die das transportiert, also Veganer die es begriffen haben, verzichten auf nichts. Siehe auch http://wp.me/pHXhh-1O

    Der Unterschied ist push oder pull. Beim Pull positionierst du dich in die Psyche eines Drogenabhängigen, der ein vages Zeil weit außerhalb von sich selbst als Anschauungsort positioniert und als Utopie, die er gerne konsumieren möchte.

    Beim Push wächst innerlich das Verlangen, etwas nicht mehr zu tun. Wer sich WIRKLICH mal vergegenwärtigt, was wegen Milch Kühen und auch den Kälbern angetan wird – die ja ein Nebenprodukt der Milchproduktion sind, denn für Milch muss die Kuh schließlich schwanger gemacht werden – der WILL keinen Käse mehr. Jedenfalls so lange, bis Käse aus Pflanzenmilch fermentierbar ist.

    Viele Frauen kommen aber mit diesem moralischen Vakuum beim Veganismus an, tun also etwas, was „richtig ist“ ohne das wirklich zu wollen. Diese Haltung zehrt ständig Energie, weil es ein inneres Gebäude ist mit einer brüchigen Architektur.

    Es ist ein reagierender Veganismus. Ein agierender Veganismus dagegen ist einer, dessen Handlung eine Konsequenz ist, nämlich der Wahrnehmung ethischer Rechte von Tieren, wie z. B. das Recht auf Unversehrtheit oder das Recht auf Freiheit.

    Das sind natürlich Entwicklungsprozesse, ich war zuerst auch reagierende Veganerin, bzw. hatte egoistische Motive, da ich mich einfach gesünder ernähren wollte. Mein vegane Ernährung kam über keinen vegetarischen „Umweg“. Zum Glück war die Architektur um mein Vakuum herum stark genug, denn über die Risse strömte langsam „Luft“ ein, und ich entwickelte mich zur agierenden Veganerin. Für mich ist unveganer Käse etwa so appetitanregend wie ein Stück Seife. Und veganer „Käse“ hat noch einen weiten Weg vor sich. “ No-Muh-Chäs“ finde ich gelungen, allerdings würde ich diese Analogsachen auch nicht als vegane *Käse* bezeichnen, denn ihnen fehlt komplett die Fermentation.

    Ava Odoemena

    10. Februar 2010 at 13:20

  7. Dein Eintrag hört sich sehr interessant an, ich kenne das, da ich auch ein Mensch bin der über alles mögliche nachdenkt und dadurch kaum zur Ruhe kommt. Aber es gibt Momente in denen du in Dinge sehr vertieft bist, wie z.B. wenn du gerade eine Klausur schreibst. Du denkst über nichts nach und gibst dich nur einer Aufgabe hin, die dich weder unter noch überfordert. Ein Herr Mihaly Csikszentmihalyi (Der Name hat Stil, oder ;-)) bezeichnete diesen Zustand als Flow. Vielleicht kann man es, also das „einfach ma nix denken“dadurch schaffen. Man versinkt tief in ein Thema und alles andere herum wird ausgeblendet. Nach diesem intensiven Nachdenken kommt die Entspannung. Hmmm..Das war jetzt selber ein kleines Gedankenexperiment, ich werde es beim nächsten Streit mit meinem Freund mal ausprobieren…

    MrsStern

    11. Februar 2010 at 21:00

  8. Ja, also bei Kleiderkreisel verkauft man Klamotten. ;)
    http://kleiderkreisel.de/kleidung/frauen/kleider/sonstiges/16042-kariertes-kleid
    Da steht größe usw.
    Wenn du es gerne haben möchtest, dann kannst du mir ja auch einfach ’ne mail schreiben oder so.

    Malina

    12. Februar 2010 at 19:04

  9. Ich hab mal mit elf oder zwölf meinen Dad gefragt, wie das ist wenn man „nichts“ denkt. Ob man dann nicht denkt das man grade nix denkt. Er meinte das würde ich lernen wenn ich Erwachsen bin.
    Ich kann bis heute nicht „nichts“ denken.

    Kat

    25. Februar 2010 at 16:22

  10. Vorallem der letzte Absatz hat mich berührt.

    RinaVera

    7. Mai 2010 at 18:32


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