…in meiner Wärmflasche schlafen Sterne


Polly Jean
8. März 2010, 14:49
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Selam Welt,

betrachte diesen Eintrag als Hommage an PJ Harvey. Als ich sie damals in frühster Jugend das erste Mal hörte, berührte es mich so sehr, dass es fast schon zur Routine wurde in äußerstem Hass, bei Wut und bitterlicher Traurigkeit… ja, bei nicht enden wollender Einsamkeit, ihrer Stimme und vor Allem ihren Worten zu lauschen. Diese Zeit ist lange vorbei. Ich habe mich von Polly verabschiedet. Wir fanden beide, ich solle erwachsen werden. Wir fanden beide, dass ich mit ihren Liedern zu viel Negatives verbinde. Beidseitiges Verständnis und dann Begräbnis. Manchmal ist es besser sich zu trennen, bevor die Zerstörung wütet, …nicht mehr zu reparieren. Aber bekanntlich sieht man sich immer zweimal im Leben. [...] Durch Zufall stieß ich heute morgen auf das Live-Duett Björk und Polly mit dem Coversong ”Satisfaction”. Ich hätte wissen müssen, dass ich über Björk schnell auf Polly stoßen würde. Ich war so naiv, aber früher oder später hätte es sowieso passieren müssen. Sofort starrte ihre Stimme mich an. Sie glitt durch meinen Ausschnitt, weiter zum Herzen und somit in meinen Körper. Ihre Worte brachten mein Gehirn zum beben. Ich war fast wie paralysiert und labte mich sofort und völlig automatisch an ihr, ihrer Kreativität, ihrer grenzenlosen Melancholie. Sie ist für mich ein Symbol, der Inbegriff der Elegie. Ich konnte nicht widerstehen. Wie besessen kramte ich in alten Kartons, in den untersten Welten der Schränke, in Schubladen, überall. Aber sie war nigends. Ihre klagende Stimme war in diesem Hause längst versiecht. Ich hatte sie komplett verbannt. Und nun fühlte ich mich wie ein Junkie der auf ”Turkey” ist, halb am durchdrehen und alles für eine Dosis Polly machend. Ich war bereit. Nimm’ mich! Egal was… aber geb’ mir Polly Jean Harvey!

Hyperventilierend, versuchend mein Bewusstsein wiedererlangend: “Lord praise the internet!” – Euphorie! Polly war wieder da. Ich suhlte mich in ihr. Ich suhle mich noch immer in ihr. Und ich möchte diese verdammte Beziehung nie wieder beenden.

Dear darkness
Dear darkness
Won’t you cover, cover
Me again?
Dear darkness
Dear
I’ve been your friend
For many years


Brenne, Hexe! Brenn’!
7. März 2010, 21:30
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Selam Welt,

ich esse nun konsequent seit Ende Januar 2010 vegan. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich damit gleichzeitig in die typische Minderheitenrolle gepresst werde, die bekanntlich gerne mal denunziert wird. Alle Erfahrungsberichte anderer Veganer zum Trotz, habe ich schlicht gedacht, dass es bei mir anders wird, weil ich stets bemüht bin ein freundlicher und tolleranter Mensch zu sein. Erst recht, wenn es um solch’ sensiblen Themen geht.  Zumal ich ja auch mit einem Nicht-Vegetarier seit vielen Jahren zusammen bin und lebe. [...] Ich kann es nicht anders ausdrücken, ich fühle mich wie eine Hexe die auf einem Scheiterhaufen brennen soll. Vor Januar, als Vegetarier, war ich noch keine Hexe, plötzlich bin ich gebranntmarkt, obwohl sich meine Persönlichkeit nicht ansatzweise verändert hat. Ich bin kein Alien, keine Hexe, kein Staatsverbrecher und auch nicht radikal. Ich sehe auch rein äußerlich nicht anders aus. Letztlich muss ich nur beiläufig erwähnen, dass ich vegan esse und schon fühlt sich Irgendjemand angegriffen, ohne einen weiteren Satz meinerseits. Ich bin wahrlich ein Unmensch. Wie kann ich bloß kein Fleisch essen? Es ist total intollerant gegenüber den Fleischessern kein Fleisch zu essen. Total intollerant! Total! Wie kann ich es wagen überhaupt irgendwo öffentlich zu erwähnen, dass ich nichts tierisches mehr esse? Das ist doch reine Blasphemie… und total intollerant.

Nun, ich hätte in der Tat nicht gedacht, dass ich plötzlich so kontrovers auf manche wirke und mich an jeder Straßenecke rechtfertigen muss. Wieso wird es mir so schwer gemacht?  Ich tu’ doch keinem was. Oder liegt es gar an der befleckten Weste der Menschen die mich plötzlich so verurteilen? Gebe ich ihnen mit meiner Anwesenheit das Gefühl, dass in der Welt nicht überall Zuckerschlecken ist? [...] Ich habe etwas Angst davor. Meine Psyche ist nicht so stabil, dass ich großen Druck und eine riesige Meute die mit Fackeln und Mistgabeln folgt, einfach so wegstecken kann. Mir ist es wichtig meine Meinung frei äußern zu dürfen. Ich bin kein Mensch der mit Absicht polemisch wird oder andere Lebewesen verletzten möchte. Warum also muss man mich so verletzten? Die Realität ist mal wieder so hart, dass ich in eine misantrophische Phase falle, die ich aus Angst und Panik niemals nach außen bringen würde. Bin ich eine Heuchlerin, weil ich aus Angst so oft die Klappe halte oder gar etwas zu blumig in die Welt posaune? Ich will ja gehört werden, ich will verkünden, verbreiten und Mensch sein, aber so häufig versperrt man mir die schwere Gittertür, durch die ich, statt großer Felsbrocken, nur noch kleine Kieselsteinchen schmeißen kann. Diese genieren vielleicht eine Maus, aber niemals einen Elefanten. Schluss.

Verdammt nochmal, es ist ungemein gut sich mal so richtig schön auszukotzen. <3 Und was bin ich froh um die Menschen, die mich nicht als anderen Menschen betrachten und die mich so nehmen wie ich bin, genauso wie ich sie so nehme wie sie sind.

Obschon die scharfsinnigsten Richter der Hexen und sogar die Hexen selber von der Schuld der Hexerei überzeugt waren, war die Schuld trotzdem nicht vorhanden. So steht es mit aller Schuld.” – Friedrich Nietzsche